Gänseliesel
Wiwala, wiwala, wiwala rufend stürmt die Zehnjährige über den Hof zur Wiese. Mit lautem Geschnatter und flügelschlagend fegt die Gänseherde hinterdrein. Freigang am Abend, bevor sie zur Nachtruhe im Gänsestall hinter Schloss und Riegel kommt. Jetzt darf den Gänsen nichts mehr passieren. Schon bald sollen sie die Haushaltskasse der Bäuerin aufbessern und zum Kirchweih- oder Martini-Festschmaus vieler Familien werden. Höhepunkt des Gänselebens.
Wiwala, Ziwala und mehr
Lautmalerisch werden die Namen für unsere Tier-Babies gebildet und auch als Kosenamen für die erwachsenen Tiere verwendet (a klingt etwa so wie das englische Wort "a" für ein).
| Wiwala | Gänseküken |
| Ziwala | Hühnerküken |
| Piela | Entenküken |
| Hedala | Ziegenkitze |
| Betzala | Lämmchen |
| Mockala | Kälbchen |
| Hampala | Fohlen |
| Mienzala | Kätzchen |
| Dschuckala | Ferkel |
| Matzala | Häschen |
Im Mai waren sie geschlüpft. Bereits Ende Februar hatte der Ganser seiner Gänsin zu verstehen gegeben, dass es jetzt wieder an der Zeit fürs Liebesspiel sei. Erfolgreich. Denn schon bald liegt das erste Ei im Nest. Fast täglich kommt ein neues hinzu und wird von der Bäuerin zur "Produktionsankurbelung" gleich wieder weggenommen. Bis zu dreißig Eier werden so gesammelt, dann auf mehrere Nester verteilt und zur Brut frei gegeben. Eine Pute und eine Bruthenne unterstützen die Gans bei ihrer verantwortungsvollen Aufgabe. Nach ungefähr dreißig Tagen schlüpfen die ersten Gänseküken - die Wiwala. Früher wurden sie mit in die Stube genommen. Eine warme Schachtel auf der Ofenbank ist fast so kuschelig wie die Gänsemama. Erst wenn alle Geschwister ihre Eischale verlassen haben, wird die Familie wieder zusammengeführt. Je nach Temperament und Anzahl des Nachwuchses übernimmt die Gänsin alle ihre Kinder oder ein Teil bleibt bei ihren Leihmüttern, die sie umsichtig versorgen. Junge, klein gehackte Brennnesseln mit einem gekochten Ei vermischt stehen als traditionelles Startmenü auf dem Speiseplan der gelben Flaumbällchen. Schon bald beginnen sie auch selbstständig Gräslein zu rupfen. Im Gänsegarten unter den Obstbäumen wachsen sie rasch heran. Noch bis Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden in manchen Dörfern die Gänse aller Höfe vom einem Gänsehirten oder der Gänseliesel aus dem bekannten Märchen auf die Weide geführt.
Wirtschaftliche Bedeutung hat die Federviehhaltung heute nur noch für darauf spezialisierte Betriebe. Auf den Bauernhöfen schnattern und gackern - wenn überhaupt - meist nur noch Tiere für Eigenbedarf und Hobby. Nur selten wird ein Gänsepaar für die Nachkommen im nächsten Jahr über den Winter gefüttert, Küken werden im Frühjahr vom Geflügelhof geholt. Und die freuen sich, wenn eine kleine Gänseliesel für sie da ist. Die Wiwala akzeptieren sie nur zu gerne als Teilzeit-Mutti.