Violine
"Stell Dir bloß vor, da stand eine Kuh am Straßenrand." Aufgeregt berichten mir zwei Kolleginnen von ihrem Erlebnis auf dem Weg ins Büro. "Die hat bestimmt auf den Metzger gewartet, die Ärmste!", mutmaßten sie. Ich ahnte bereits, von welcher Kuh die beiden sprachen. Schmunzelnd vergewisserte ich mich, wo sie das Tier gesehen hatten, um sie dann zu beruhigen, denn ihre Befürchtungen waren unbegründet. Es handelte sich um "Violine" - eine ganz besondere Kuh.
Schon von Geburt an - kaum dass sie sicher stehen konnte - pochte Violine auf ihre Freiheit. Wie alle anderen Kälber in einer Box zu leben, kam für sie nicht in Frage. Sie hüpfte einfach über die Trennwand und erkundete erstmal die nähere Umgebung. Natürlich wurde sie wieder zurück verfrachtet. Aber sie dachte gar nicht daran, an dem ihr zugewiesenen Platz zu bleiben. Das Spielchen ging hin und her. Ihre Besitzer richteten für sie extra einen Platz mit doppelt hohen Wänden ein. Doch sie hatten Violines Sprungtalent bei weitem unterschätzt. Wie ein trainiertes Turnierpferd erhob sie sich auf den Hinterbeinen und setze mit elegantem Schwung über die Hürde. Sieg für Violine. Jetzt durfte sie sich nach Lust und Laune auf dem Hof bewegen. Mit persönlichem Bodyguard! Denn dieses ungebundene Leben führte schon ein Esel. Er gesellte sich Violine zur Seite und wies sie ins freie Kuhleben ein. Von ihm lernte sie, die Straße zu überqueren und dass es das beste Wasser zum Trinken im kleinen Teich des Nachbarn gab. Dessen Freude über die vierbeinigen Gäste hielt sich naturgemäß in Grenzen - Violine und ihr Begleiter hinterließen nicht nur Hufspuren, sondern auch manchen Fladen. So verlebte sie eine unbeschwerte Kindheit und Jugendzeit. Bald war sie zur stattlichen Kuh herangewachsen, brachte ihr erstes Kalb zur Welt und lieferte zuverlässig und reichlich Milch. Sie wusste genau, wann sie zum Melken an die Reihe kam und trottete pünktlich an ihren Platz im Stall, um sich anzapfen zu lassen. Das Schicksal nahm seinen Lauf, als sie als besonders gelungenes "Exemplar" ihrer Gattung auf einer Ausstellung präsentiert werden sollte. Willig trabte sie auf den Transporter, um die Reise anzutreten. Gar nicht begeistert dagegen war sie vom "Sicherheitsgurt". Unwillig schüttelte sie sich, um den lästigen Strick wieder los zu werden. Doch das Malheur wurde erst bei der Ankunft entdeckt. Natürlich hatte Violine sich befreit, aber so ungestüm, dass sie sich dabei ein Horn abgezogen hatte. Von dem verbliebenen Stumpf tropfte noch Blut und Violines Schönheit war dahin. Ihre Model-Karriere war für sie abgeschlossen, bevor sie richtig begonnen hatte. Am Halfter durch die Arena geführt zu werden - das war nichts für Violine. So ging die Fahrt zurück auf den heimatlichen Bauernhof, wo Violine noch viele glückliche Jahre in Freiheit verbrachte.