Wir sind nicht mehr Herr im eigenen Stall
Wittewit-wittewit - unsere Sommerfrischler sind wieder da. Zurückgekehrt aus dem winterlich-heißen Afrika begrüßen uns die ersten Schwalben. Auch wenn das Sprichwort behauptet, dass eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, sie sind Boten des Sommers. Zur Begrüßung werden die Stalltore geöffnet und unversehens inspiziert das Schwalbenpärchen auch schon die Gegebenheiten. Angeregt wird über den Zustand des Nestes und anstehende Renovierungsarbeiten gezwitschert. Alles läuft wie am Schnürchen. Bereits nach ein paar Tagen wird im Kuhstall übernachtet. Je nach Witterung warten die beiden früh schon darauf, dass ich das Tor aufmache, oder sie bleiben bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt erst einmal gemütlich in ihrem Nest und schauen uns bei der Arbeit zu. Da stört nicht einmal der Kater, der sich direkt unter ihnen auf einem Heuballen zusammengerollt hat, um sich von den Anstrengungen der Nacht zu erholen. Ganz anders verhält sich dies, sobald die Schwalbe Eier legt. Alles, was sich um sie herum bewegt, ist ein potentieller Feind. Mit lautem Gezeter "diekatzdiekatz- diekatz" versuchen sie die Miezen zu vertreiben, bewirken aber meistens das Gegenteil, denn spätestens jetzt wird auch unser halbblindes Katerchen auf sie aufmerksam. Auch ich bin unerwünscht, so lange ich Kühe und Kälber versorge: "gehweg-gehweg-gehweg". Doch das alles ist noch gar nichts, verglichen mit dem Spektakel, das sie aufführen, sollte sich eine andere Schwalbe in ihr Revier verirren oder gar ein Pärchen Anspruch auf den - rein theoretisch - zweiten Nistplatz im Stall erheben. Unbarmherzig wird der Eindringling attackiert. Da kommt es schon mal vor, dass sich eine von der stundenlangen Verfolgung erschöpfte Schwalbe einfach auf dem Boden niederlässt und die Katze nur noch zulangen muss. Aber auch die Verfolger vergessen blind vor Zorn jede Gefahr. Es soll ja Ställe geben, wo bis zu fünf Schwalbenpaare friedlich beieinander leben. Unsere kennen keine Toleranz. Aus ihrem egoistischen Verhalten schließen wir, dass es auf jeden Fall unsere Schwalben sind, die zurückgekehrt sind, oder deren Nachkommen. Wer weiß?!
Groß ist die Freude, wenn wieder winzige zarte Eierschalen unter dem Nest liegen. Das Wunder der Schöpfung offenbart sich jedes Jahr aufs Neue und bleibt uns doch unbegreiflich. Bald schon recken sich vier oder fünf, manchmal sogar sechs, hungrige Schnäbelchen über den Nestrand dem fliegenden "Party-Service" entgegen. Bald schon wird das Nest zu klein, Flügelschlagen wird trainiert und die ersten Flugversuche vom Nest bis zur Vakuumleitung der Melkmaschine folgen. Ein paar Tage noch werden die Jungen von ihren Eltern versorgt und schon heißt es "Schluss mit Hotel Mama!". Abendliche Heimkehrer werden aus dem Nest "geschnäbelt". Die Schwalbeneltern bereiten sich auf die zweite Kinderstube vor. Oft machen Schafskälte oder Dauerregen den Schwalben schwer zu schaffen. So wie die Insekten weniger werden, nimmt plötzlich das Interesse an den fetten Stallfliegen ServiceTrainment - Nicht mehr Herr im eigenen Stall 2 zu. Sonst verschmähtes Fastfood, werden sie jetzt zum Leckerbissen. Dann können wir die Flugkünste unserer Luftakrobaten aus nächster Nähe bewundern. Haarscharf über die Rücken der Kühe hinweg oder an den Fenstern entlang, immer mit Tempo und Eleganz. Natürlich nicht vergleichbar mit den Vorführungen draußen, besonders wenn sich die Jungschwalben in großen Scharen tummeln. Wir haben sie die "Rocker" genannt, die unbeschwert ihr Dasein genießen, bevor es Anfang September wieder auf die große Reise geht. "Maria Geburt fliegen die Schwalben furt", wussten schon unsere Vorfahren. Im Stall wird es ruhig - kein wittewit-wittewit, kein gehweg-gehweg-gehweg von oben. Wir dürfen wieder tun und lassen, was wir wollen. Und wir freuen uns schon auf die nächste Saison!