Bunte Eier
Auch im neuen Jahr laden wir Sie wieder zu unserer kleinen Landpartie ein. In eine Welt, die oftmals ein bisschen anders ist, als die gängigen Klischees sie zeichnen. Das Leben auf dem Land ist keine Naturberieselung für "Weicheier". Eine bemerkenswerte Eigenschaft vieler Landbewohner ist es, mit Phantasie und Engagement Schwächen in Stärken umzuwandeln. Der Blick auf die Fülle und Raffinesse der Natur, die Nähe zum Ursprünglichen hilft, sich immer wieder auf neue Bedingungen einzustellen, anders zu sein, als andere, sich zu begeistern. Und genau das ist unser Anliegen.
Die kleinen Geschichten vom Landleben erzählen mit Witz und Charme von "bunten Eiern".
Zum Beispiel von einem höchst ungleichen Paar und einer nicht alltäglichen tierischen Karriere.
Auch in einem Team gibt es verschiedene Charaktere, unterschiedliche Persönlichkeiten und Fähigkeiten. Das Zusammenwirken dieser Vielfalt erst macht das "bunte Ei". Zuviel Gleichmacherei und Harmonie lässt die Farben verblassen. Unsere Geschichte wäre nie aufgeschrieben worden, wenn das Leben der Helden nicht ein bisschen anders als das ihrer Geschlechtsgenossen verlaufen wäre.
Kein Weichei
Allein auf dem Einödhof zu leben, war für sie nie ein Problem. "Ich bin doch nicht alleine", entgegnete die Tante im Brustton der Überzeugung jedem, der sie darauf ansprach. "Ich bin hier zuhause! Und ich habe meine Tiere." Hund und Katzen, Hasen, Hühner, Gänse und Enten leisteten ihr in wechselnden Besetzungen Gesellschaft.
Daisy und Donald hatte sie selber aufgezogen. Ihre Nichte hatte das Entchen und den Hahn als unscheinbare Küken im Frühjahr zu ihr gebracht. Die Tante ließ es den beiden an nichts fehlen. Frisch gerupfte, fein gehackte Brennnesseln, gekochte Kartoffeln und dicke Milch standen auf dem Speiseplan. Unter dieser fürsorglichen Obhut gediehen die beiden natürlich prächtig und waren bald der ganze Stolz ihrer Besitzerin. Enten-Madame Daisy und Gockelhahn Donald waren ein zwar ungleiches, jedoch ein unzertrennliches Paar. Sie folgten der Tante auf Schritt und Tritt. Vorneweg watschelte Daisy, Donald stieg gravitätisch hinterher. Einträchtig teilten Sie den Futternapf und ganz offensichtlich gab es auch keinerlei Verständigungsschwierigkeiten. Sie pflegten sich gegenseitig das Gefieder, hielten miteinander Siesta - sie im Nest und er auf der Stange eine Stufe höher - einfach possierlich anzuschauen. Doch die Natur lässt sich nicht verleugnen. Eines Tages entdeckte Daisy bei einem gemeinsamen Spaziergang den Teich. Obwohl "trocken" aufgewachsenen, war das Wasser ein ihr vertrautes Element. Da konnte Donald nicht mithalten, so sehr ihn Daisy auch lockte und die Vorzüge des Schwimmens beschnatterte. Erhobenen Hauptes stand der Hahn am Ufer und wartete geduldig bis seine bessere Hälfte ihr Bad genommen hatte.
Dann trollten sie einträchtig wieder nach Hause. Leider währte das Glück nicht sehr lange. Daisy geriet in die Fänge des hungrigen Fuchses. Ein schwerer Verlust für Donald, der diesen auf seine Art meisterte. Nach einigen Trauerwochen besann er sich auf seine Talente und entwickelte sich zu einem mutigen Kampfhahn. Schließlich stieg er in der Hofrangfolge zum Bodyguard der Tante auf, der allem Fremden misstraute. Mit einem zackigen "Kikeriki" meldete er jede Bewegung auf dem einsamen Gehöft und schlug auch schon mal ungebetene Besucher in die Flucht.