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Landleben

Die schönsten Geschichten vom Landleben:
Das Prinzip Hoffnung

Als vor zwei Jahren meine Schwiegermutter starb, hinterließ sie eine kleine Herde Federvieh, zehn Hennen und zwei Hähne. Über Nacht zählte ich also zu den Geflügelhaltern.

Die gackernden Kratzer gewöhnten sich schnell daran, dass jetzt ich für ihr Wohlergehen zuständig war, das Futter brachte, den Stall ausmistete und die Eier aus ihren Nestern einsammelte. Sie führten ihr freies, glückliches Hühnerleben weiter wie gewohnt. Hinterließen sie doch mal ihre Spuren auf Nachbars Terrasse, sorgten ein paar frisch gelegte Eier dafür, dass die nachbarliche Eintracht dadurch nicht nachhaltig gestört wurde.

Die beiden rivalisierenden Hähne passten gut auf ihren Harem auf, meldeten jeden Habicht, der am Himmel kreiste - lange bevor ihn ein menschliches Auge ausmachen konnte. Schlich gar einmal der Fuchs - auf Beutezug zur Versorgung seiner eigenen Kinderstube - um die Scheune, schlugen sie rechtzeitig mit erregtem Kikeriki Alarm.

Doch im letzten Herbst fand die Idylle ein jähes Ende. Das Gespenst der"Vogelgrippe" ging um und die allgemeine Stallpflicht für Geflügel trat in Kraft. Schweren Herzens stellten wir in den noch ausgesprochen milden Oktobertagen unsere Hühnerschar unter Hausarrest.

Die Hennen brachten dafür gar kein Verständnis auf. Hatten sie jahreszeitlich bedingt ihre Eierproduktion bereits zurückgefahren, stellten sie diese jetzt ganz ein. Sie boykottierten uns einfach. Kein Auslauf, kein Ei. Wir mussten uns damit abfinden.

Ein kalter, langer Winter folgte, in dem das Stalldasein wohl gar nicht so unangenehm war. Als dann die Tage wieder merklich länger wurden, vollzog sich ganz langsam eine - zunächst kaum wahrnehmbar - Änderung.

Mit einem leisen Singen machten die Hühner auf sich aufmerksam, sobald ich die Stalltür öffnete. Ihre fahl gewordenen Kämme erröteten zunehmend und zierten wie kleine Krönchen ihre Häupter. Und pünktlich zum Frühjahrsbeginn lagen in den Nestern wieder zartbraune Eier.

Gerührt und ehrfürchtig stand ich davor. Welche Lebenslust! Die "dummen" Viecher trotzen einfach den widrigen Umständen. Nicht ihr Alter, nicht das Eingesperrt sein konnte sie daran hindern, den Frühling mit neuer Hoffnung zu beginnen.


 
 

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