Hinein wachsen
"Martina, zieh doch mal den Bolzen!" ruft mein Mann dem Nachbarsmädchen zu. Ganz selbstverständlich kuppelt die Elfjährige den Wagen von der Schnauze des Traktors, nicht ohne vorher die Bremse zu ziehen. Eine alltägliche Szene, außergewöhnlich und typisch zugleich. Mit größter Selbstverständlichkeit erleben die Kinder auf dem Bauernhof den Arbeitsalltag ihrer Eltern. Von klein auf sind sie dabei. Spielend lernen sie Zusammenhänge, die Stadtkindern vorenthalten bleiben. Dass gesät werden muss, um zu ernten, dass Saatgut gebeizt wird, um Krankheiten zu verhindern, so wie wir zur Grippeschutzimpfung gehen, dass eine Kuh gedeckt werden muss, um wieder ein Kalb zu bekommen und Milch zu liefern, dass ein Tier geschlachtet werden muss, damit es beim Metzger Steaks und Wurst zu kaufen gibt, und dass die Bremse angezogen werden muss, bevor der Bolzen gelöst wird. Die Kinder wachsen in das Leben hinein und übernehmen Verantwortung. Natürlich lieben auch unsere Kids Computerspiele, surfen im Internet und gehen nicht ohne Handy weg, die Freundin könnte ja eine wichtige SMS schicken. Das Mitarbeiten auf dem Hof beschränkt sich auf wenige Tätigkeiten. Aber sie wissen Bescheid und wenn sie gebraucht werden, sind sie zur Stelle. So assistierte unsere Tochter Karolina am Sonntagmorgen vor ihrer Konfirmandenvorstellung dem Tierarzt bei einer Kaiserschnittoperation. Eine Stunde später im Gottesdienst blickten wir nicht nur mit Stolz auf unsere Große, sondern konnten auch dafür danken, dass Mama Kuh und ihr Kälbchen wohlauf waren.
Besondere Faszination üben landwirtschaftliche Maschinen aus. Dorfkinder wissen stets ganz genau, wer welchen Traktor mit welcher Leistung fährt. Sie kennen Marken und Typen, Vorzüge und Nachteile und belehren schon mal die Großen. Als unsere jüngste Tochter gerade drei Jahre alt war, konterte sie auf meine vor mich hin gemurmelte "Frage", wo denn am neuen Traktor der Frontlader geschaltet werde, mit einem resoluten "Na da!" Natürlich! Wo denn sonst?! Sie hat bei ihren häufigen Fahrten mit Papa gut aufgepasst. Inzwischen ist sie ein Teenager und wickelt alle ein. Auch alle Siloballen - die großen weißen Kugeln, die das Gras nach dem Sauerkrautprinzip konservieren. Und da heißt es, bei der Sache sein. Die Bedienung des Gerätes erfordert Konzentration und Aufmerksamkeit. Das ist keine Spielerei mehr, sondern eine Aufgabe mit Verantwortung - wird schlampig gewickelt, verdirbt das Futter.