Immer der Nase nach
"Unsterblich duften die Linden", höre oder lese ich diese Anfangs- und Schluss-Zeile aus einem Gedicht von Ina Seidel gaukelt mir mein Gehirn nicht nur Lindenblütenduft vor, es aktiviert gleichzeitig die Erinnerung an eine bewegte Episode meines (Berufs-)Lebens, die sich in diesen Zeilen wieder findet. Duft ist für mich die umfassendste Wahrnehmung überhaupt. Einem Duft kann ich mich nicht verschließen, umso besser hingeben. Ich genieße die Düfte des Jahres, die Düfte der Pflanzen, der Blüten, der Erde. Ich liebe es, in eine Fliederduftwolke einzutauchen, von Jasminduft umhüllt auf der Terrasse zu frühstücken. Ich schwelge in der allgegenwärtigen Süße der Rapsblüte und erfreue mich des feinwürzigen Dufts eines Perserkleefeldes, nicht weniger verzaubert mich das herbe Aroma von Vogelbeeren oder Holunder. Im Garten eröffnen die Veilchen den Duftreigen, gefolgt von Maiglöckchen, Wicken und Reseda, gesteigert von der Nachtviole oder Mädesüß und nochmals gedopt von dem betörenden Bukett des Ziertabaks in warmen Sommernächten. Meine Rosen habe ich nach Duft-Kriterien ausgewählt und bei den Zimmerpflanzen nicht halt gemacht. Blüht der Wachsefeu auf der Fensterbank - und das tut er oft - wähnt man sich im Paradies. Auch die Arbeiten in Stall und Feld sind untrennbar mit Düften verbunden. Und jeder Duft ist unverwechselbar. Ein neugeborenes Kalb verströmt eine andere Aura als eine Kuh. Selbst der Geruch ihrer Ausscheidungen verrät uns ganz nebenbei, ob die Tiere gesund sind oder nicht. Ja ich weiß, ich höre schon den Einwand: "Das duftet nicht, das stinkt!" - Wie man es nimmt. Natürlich kann ein Geruch auch unangenehm sein, aber es kommt immer darauf an, wie man ihm begegnet. Stinkt es mal wirklich heftig, hilft es, sich an den weisen Satz unserer Großmutter zu halten, der da lautet: Nimm dir eine tüchtige Nase voll, dann riechst du nichts mehr!
Über einen Duft werden Bilder gespeichert und sehen wir dieses Bild, riechen wir, was real gar nicht existiert: Fährt mein Mann mit Traktor und Güllefass auf der Straße, halten sich manchmal die Kinder - und auch Erwachsene - schon die Nase zu, sobald sie das Gespann nur sehen. Dabei gibt's gar nichts zu riechen, weil Wasser transportiert wird. Nicht nur die Linden duften unsterblich ...
Nur zu gerne lasse ich mich auf Gerüche und Düfte aller Art ein. Sie erzählen von reifen Getreidefeldern oder frisch gesägtem Holz, verraten ob nur Rasen oder eine Wiese für Heu gemäht wurde, dass ein Weiher abgefischt wird oder dass die Äpfel reif sind. Fast jede Arbeit auf dem Hof ist mit einem bestimmten Duft verbunden. Manchmal ist es nur ein Hauch, der in der Luft liegt, und doch genügt diese Prise, ein Bild entstehen zu lassen. Sogar der synthetische Geruch neuer Folien zum Abdecken der Maissilos signalisiert: Die Ernte ist eingebracht. Die schwere Würze von reifem Mist kündet beim Ausfahren vom nahenden Winter. Und schneide ich im Winter Heuballen auf, die Kümmelduft verströmen, ist nicht nur der Sommer wieder gegenwärtig, sondern ich weiß genau, auf welcher Wiese das Gras gewachsen ist.
Unsterblich duften die Linden -
Was bangst du nur?
Du wirst vergehn, und deiner Füße Spur
Wird bald kein Auge mehr im Staube finden.
Doch blau und leuchtend wird der Sommer stehn und wird mit seinem süßen Atemwehn
Gelind die arme Menschenbrust entbinden.
Wo kommst du her?
Wie lang bist du noch hier?
Was liegt an dir?
Unsterblich duften die Linden -
Ina Seidel (1885 - 1974)