Überraschungs-Ei
Drunter und drüber
Oftmals kommt es anders als man denkt ...
Wer eine Veranstaltung plant, muss schon etwas Besonderes bieten, um die Leute hinter dem Ofen hervorzuholen. Wenn das Besondere dann auch noch überraschend anders daherkommt, verstärkt es die Wirkung. Aus der Not eine Tugend zu machen - darin ist man auf dem Lande seit jeher geübt. Die Frauen in unserer Geschichte machen es vor, wie man mit Großmutters ollen Klamotten Furore erzeugen kann.
Karin wurde blass bei der Nachricht ihrer Vorstandskollegin Silvia. Plakate, Einladungen und Flyer für das große Vereinsjubiläum waren schon gedruckt und verteilt. Und jetzt diese Hiobsbotschaft: Der groß angekündigte Höhepunkt - die Dessousschau am Sonntagabend im Kirchweihzelt - fällt ins Wasser. Die kooperierende Boutique hatte das Insolvenzverfahren beantragt. Doch die Landfrauen ließen sich nicht entmutigen. Da gab es doch mal den Vorschlag mit den alten Spitzenunterhosen ...
Zum Glück besaß eine der Frauen eine ganze Sammlung von Unterwäsche-Raritäten. Flugs wurde dieser Fundus gesichtet. Es wurde ausgewählt und probiert, Models aus den eigenen Reihen rekrutiert, Moderationstexte verfasst, Musik ausgewählt und geprobt. Innerhalb von wenigen Tagen wurde eine Show gezaubert, bei der es im wahrsten Sinne des Wortes drunter und drüber ging.
Groß war dann die Überraschung der Gäste im brechend vollen Zelt, als sich ein Adam mit Feigenblatt und keulenschwingende Höhlenbewohner im Fellschurz auf dem Laufsteg tummelten. Die verblüfften Besucher erlebten jetzt eine spannende und kurzweilige Reise durch die Geschichte der Unterwäsche. Voluminöse Hemden und Unterröcke verhüllten mehr als sie zeigten. Knielange Hosen aus Plüsch oder Wolle und handgestrickte Spenzer hielten bei der Arbeit schön warm. Sie schützten ihre Trägerinnen vor Lungen- und Blasenentzündungen, denn beim Kartoffeln klauben auf dem Feld blies der kalte Wind den Frauen oft gehörig unter die Röcke.
Feine Stadtdamen dagegen tänzelten höchst zierlich in ihrer geschnürten Wespentaille zu Mozarts kleiner Nachtmusik daher.
Die Männer demonstrierten, dass Hosenträger nicht nur die Über-, sondern auch die Unterhosen oben hielten und wie man sich beider im Bedarfsfall äußerst rationell entledigte.
Sogar die Aufforderung zum Wiener Walzer erfolgte in den "langen warmen". Die Ladies in kunstvoll gehäkelten Glanzgarnunterkleidern ließen sich nicht zweimal bitten.
Ein fetziger Rock' n Roll im Petticoat folgte als nächste Tanzeinlage. Perlon und Elastikfasern revolutionierten die Welt der Unterwäsche. Sie wurde bequemer, pflegeleichter und zunehmend knapper. Das Stimmungsbarometer stieg mit jedem Auftritt höher. Und beim Schlussdefilee zu flotten Partyrhythmen wurde das Geheimnis gelüftet, was frau heutzutage drunter trägt.
Der Applaus wollte gar nicht enden und noch wochenlang schwärmten die Besucher von dieser Veranstaltung.