Barbarossa -
oder das fünfzehnte Kätzchen
Unsere Katzen hatten gerade mal wieder für zahlreichen Nachwuchs gesorgt - zwei mal vier und zwei mal drei Kätzchen bevölkerten die über den Hof verteilten Kinderstuben. Da tauchte eines Abends Anne bei uns im Stall auf und bat um etwas Kälbermilch. Der Tierarzt hatte die junge Frau zu uns geschickt. Selbst Besitzerin einer Katze mit Jungen hatten Freunde ihr ein Findlings-Kätzchen gebracht, in der Hoffnung, ihre Katzenmutter würde sich des Kleinen als Amme annehmen. Aber nix da. Die Katze duldete keinen "Kuckuck" im Nest und verweigerte dem Winzling Nahrung und Zuwendung. Nun wollte es Anne mit dem Fläschchen versuchen. Wir wünschten ihr viel Glück und Geduld, denn davon braucht man bei einem vor Hunger schreiendem Katzenbaby unendlich viel.
Schon im Pyjama und im Begriff uns schlafen zu legen, hörten wir ein Auto vorfahren. Wer mochte das zu so später Stunde noch sein? Völlig entnervt und den Tränen nahe stieg Anne aus - ein jämmerlich lamentierendes, alles verweigerndes rotes Etwas in der Hand. Es war ihr nicht gelungen, das kleine Waisenkind zur Nahrungs-aufnahme zu bewegen, geschweige denn zu beruhigen. Jetzt war guter Rat teuer! Zunächst einmal setzten wir das kratzende, jammernde Tierchen auf den Boden. Noch ehe wir einen Entschluss fassen konnten, tauchten von dem Geschrei alarmiert drei unserer Katzenmütter aus der Dunkelheit auf. Ihr Mutterinstinkt sagte ihnen, dass hier etwas nicht in Ordnung war. Vorsichtig näherten sie sich dem Findelkind und beschnupperten es ausgiebig. Während die schüchterne "Schauma" sich noch keinen rechten Reim darauf machen konnte, was es mit diesem Fremdling auf sich hatte, ließ sich "Mogli" schon nieder, um ihm ihre Katzenbrust anzubieten. Der erfahrenen "Susi" indessen erschien das wohl suspekt. Beherzt packte sie das Kleine mit den Zähnen im Nacken und verschwand mit ihm in der Finsternis Richtung Maschinenhalle. Dort residierte sie mit ihren Jungen. Bis wir eintrafen - wir konnten ja nicht den Durchschlupf benutzen und mussten erst das Schloss aufsperren - lag sie bereits inmitten ihrer Kinderschar und säugte zufrieden schnurrend ihr Adoptivkind. Ein schier unlösbares Problem hatte sich in Wohlgefallen aufgelöst. Barbarossa - so nannten wir den Rothaarigen - hatte das große Los gezogen. Schnell eroberte er den besten Platz am Gesäuge der neuen Mama und gedieh prächtig. Seine doppelt so großen Stiefgeschwistern nahmen den Winzling als ihresgleichen an und trainierten ihn in allen Katzenspielen. Der kleine Kater wurde unser aller Liebling, den wir nicht mehr missen möchten. Auch Anne war froh und revanchierte sich, indem sie einigen unserer Kätzchen ein neues Zuhause vermittelte.